Dampfboot-Wartezimmer

Wie bitte? Was? Der blasse Schriftzug über dem letzten noch erhaltenen Dampfboot-Wartezimmer an Hamburgs Binnenalster weckt Fantasie. Er ziert ein vergittertes Haltestellen-Fossil an der Lombardsbrücke, das bei Sonnenschein urplötzlich Goldglanz versprüht. Man kann es nicht mehr betreten, erliegt jedoch auf den ersten Blick seinem leuchtenden Charme. Für einen lichten Moment fühlt man sich in ein vergangenes Jahrhundert zurückversetzt. Worte sind sterbliche Zeitzeugen und manchmal öffnen sie auf magische Art Fenster zur Vergangenheit …

Hafenzeile

Abends an der Waterkant,
In ’ner Strandbar mit viel Sand,
Steppt der Bär und fließt das Bier,
Machen Nachteulen Quartier.

Kräne werfen ihre Schatten
Über Docks und Rostfregatten,
Möwen kreischen um die Wette –
Hinter mir raucht jemand Kette.

Nebenan ruft’s: “Noch’n Köm!
Kinners, nee, wat is dat schön!“
Seemänner pinkeln vom Pier –
Ich steh’ – sitzend – neben mir.

Da fällt mein Blick auf eine Zeile
Vis-à-vis der Hafenmeile
Und ich spür’, dass meine Stadt
Mich in ihrem Herzen hat.

© Kerstin Bahr